Finns Schnuller

Gute-Nacht Geschichte Nr. 1: Finns  Schnuller 

von Judith Johannsen

 

Leila wollte gern schlafen. Doch ihr kleiner Bruder Finn lag nebenan und weinte. Er hatte fast den ganzen Tag geweint. Mama hatte ihn gefüttert, herumgetragen und in seiner Wiege geschaukelt. Trotzdem weinte er immer noch. Leila wusste auch, warum: Er vermisste seinen Schnuller.

Leila war nicht besonders froh über Finn. Früher hatte Mama so viel Zeit für sie gehabt! Kaum war Finn geboren worden, war es anders geworden: Mama fütterte ihn, wickelte ihn, zog ihn aus, badete ihn, zog ihn an und schob mit ihm im Kinderwagen herum. Alle Leute, die sie auf der Straße trafen, sagten zu Leila: „Oh, du bist bestimmt eine stolze, große Schwester! Was hast du nur für ein süßes Brüderchen!“

Leila fand, dass er gar nicht so süß war. Schade, dass Mama und Papa es noch nicht gemerkt hatten. Aber jetzt würden sie es merken. Denn wenn Finn die ganze Zeit weinte, fanden sie ihn sicher nicht mehr süß. Und all die Leute auf der Straße auch nicht. Darum hatte Leila ihm einfach den Schnuller weggenommen. Sie hatte ihn in ihrem Puppenwagen unter dem Kopfkissen versteckt. Dort fand ihn bestimmt keiner. Mama hatte ihn natürlich überall gesucht. Sie hatte zu Leila gesagt: „Du hast früher auch so einen Schnuller gehabt. Dann bist du immer ganz schnell eingeschlafen.“

Leila überlegte: Wenn sie auch einen Schnuller gehabt hatte, dann war sie auch einmal so klein gewesen. Mama hatte sie gefüttert, gewickelt, ausgezogen, gebadet, angezogen und im Kinderwagen herumgefahren. Leila war bestimmt süß gewesen! Das hatten sicher auch alle Leute auf der Straße gesagt. Nur Leila hatte keine große Schwester. Darum hatte ihr auch niemand den Schnuller weggenommen! Warum also hatte sie es getan? Das war wirklich nicht nett von ihr! Leila sprang aus dem Bett und lief zum Puppenwagen. Sie holte den Schnuller unter dem Kopfkissen hervor und schlich sich ins Nebenzimmer. Sie machte die Lampe neben der Wiege an und steckte Finn den Schnuller in den Mund. Da wurde er sofort still. Er sah Leila mit kugelrunden Augen an und seine kleine Hand griff nach ihrem Finger. Er hielt sich richtig daran fest. Das fühlte sich wunderschön an! Bestimmt wollte Finn damit „Danke“ sagen. Eigentlich fand Leila ihren Bruder ja doch süß: Diese dunklen Knopfaugen! Und diese kleine Stupsnase! Und diese winzigen Hände! Plötzlich konnte Leila ihre Mama, ihren Papa und die Leute auf der Straße verstehen. Ihr kleiner Bruder war süß, aber auch hilflos. Dagegen war sie schon ein großes und kluges Mädchen! Er brauchte ganz gewiss eine Schwester wie sie, die gut auf ihn aufpasste.

„Gute Nacht, Finn“, flüsterte Leila, „schlaf schön!“ Dann knipste sie die Lampe wieder aus. Sie schlich in ihr Zimmer zurück und schlüpfte ins Bett. Glücklich und zufrieden schlief sie ein.

 

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